Die Christengemeinschaft in

Graubünden: in Chur in Ardez

in San Niclà

2016/17

 
Brief an die Gemeinde 
November 2016



B R I E F  A N  D I E  G E M E I N D E

Liebe Freunde von nah und Fern!
Den folgenden Text möchte ich Ihnen für das neue Kirchenjahr ans Herz legen. 
Hans-Werner Schroeder, von dem die Worte stammen, hat die Geschicke der Christengemeinschaft auf eine besonders weisheitsvolle wie liebevolle und stille Weise gelenkt. Als jahrelanger Priester, Seminarleiter und Oberlenker hat er vielen Menschen, Studenten wie Priestern tiefe Glaubens-Erfahrungen auf ihre Lebenswege mitgegeben. Ihm gebührt herzwarmer Dank für sein Leben auf Erden. Er verstarb am 17. September 2016 in Stuttgart. Im Gedenken an ihn sollen heute seine Worte zu Advent hier erklingen und Ihre Herzen klärend erwärmen.
In geistiger herzlicher Verbundenheit
Ihre
 Marina Gschwind Grieder

Advent: Überraschenderweise, geht  diesem Fest der Verheißung mit der Adventszeit eine Perikope voraus, die zunächst von gewaltigen Erschütterungen und Untergängen spricht – Erschütterungen kosmischen Ausmaßes: “Es werden (Geistes-) Zeichen erscheinen an Sonne, Mond und Sternen...” so beginnt das Evangelium zu Advent, Lukas 21 25.-36. Es schildert die Ratlosigkeit und Beängstigung, denen die Erdenmenschheit ausgesetzt ist. Ein Bild der Finsternis entsteht. 
Dieses Bild wird noch dramatischer, wenn wir uns den Umkreis dieser Perikope ansehen und uns klar machen, dass wir hier einen Abschnitt aus der Passion vor uns haben. Lukas 21 gehört zu den Evangelienkapiteln des Kardienstags und speziell zur sogenannten “Ölberg- Apokalypse”, 


in der etwas von den apokalyptischen Unter-
gängen der Zukunft von Christus vorausgeschaut und den Jüngern mitgeteilt wird.  
Wir haben also ein Stück Apokalypse, das am 
Kardienstag gleichsam in die Evangelien versetzt ist, vor uns, Worte, die Christus im Nachklang der Auseinandersetzungen mit den Führern des Volkes und im Anblick des Tempels seinen Jüngern übergeben hat. Ihm stand dabei der Untergang der Welt, die sich ihm entgegenstellte, vor Augen. Auch der Tempel, so sah er voraus, musste untergehen.
In diesen Untergangsbildern, die zunächst den jüdischen Tempel betreffen, erscheinen ihm dann aber auch die Bilder größerer Untergänge, die Erde und Menschheit umfassen. Doch die Apokalypse wäre nicht vollständig, wenn sich zu den Untergangsbildern nicht die Aufgangsbilder hinzugesellten. “Apokalypse” heißt ja nicht Katastrophe”, „Untergang“, wie der heutige Sprachgebrauch nahelegt; es heißt vielmehr “Enthüllung eines Verborgenen”, „Offenbarung”, und meint das Erscheinen der göttlichen Welt aus und in den Untergängen.  So geht auch Lukas 21 in die Verheißung der Erscheinung Christi in den Untergängen über, und es wird deutlich: Das Erscheinen des Menschensohnes wird der Menschheit gerade in den Schwierigkeiten des Menschheitsdramas bewußt werden können. Aus den Untergängen bricht eine neue Welt auf, die von der Kraft der Worte Christi getragen ist: „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber vergehen nicht.“ Hier ist auf die Zukunft bildende Kraft hingewiesen, die mit dem Christuswirken in die Untergänge eingewoben ist, die in dem Augenblick hervortreten kann, da die Außenschale der Welt brüchig zu werden beginnt.



“Untergang des Äußeren soll werden Aufgang des Seelen-Innersten” (Rudolf Steiner), das ist das Motto der Adventszeit, von der Perikope her gesehen. Um das dann folgende Weihnachtslicht heute richtig zu empfangen, müssen wir durch die Erschütterungen der Untergänge hindurchgehen und in ihnen zugleich das Aufschimmern der Zukunft zu erahnen suchen.
Damit wird die Adventsperikope zugleich zu der grundlegenden Perikope des Jahres; sie enthält den Grundton für alle weiteren Evangelienlesungen, in denen “seine Worte”, die Christusworte, wirklich lebendig werden sollen. “Himmel und Erde werden vergehen... “ – in diesen Vorgang der Erschütterungen und Untergänge fühlen wir uns heute ganz hineingestellt. Durch die Evangelienlesungen des Jahres und durch den Kultus sollen wir uns aber auch hineingestellt fühlen in die Wirksamkeit “seiner Worte”, von denen es heißen kann: “... meine Worte werden nicht vergehen”. 
An den Untergängen nehmen wir als Erdenmenschen teil, ob wir wollen oder nicht.         An dem Aufgang der Christuswelt können wir nur Anteil haben, wenn wir es wollen, wenn wir uns in ihn hineinstellen und daran “Anteil nehmen”. Die Untergänge erleben wir sehr real. Genau so real und wirklich, ja wirklicher und realer als das Irdische soll uns die aufgehende Welt des Christus werden, denn die Natur – Himmel und Erde – vergehen; was aber aus Christus kommt, besteht und wird bestehen.

Hans-Werner Schroeder 
Auszug aus: „Das Evangelium im Jahreslauf“
Eine Herausforderung unseres Bewusstseins. Urachhaus 1988



Visionen der Apokalypse 10.Jh. 
Mozarabische Kunst in Spanien
Atlantis Verlag 1979




Apk. VIII 12 Und der vierte Engel posaunte: Da traf ein Schlag den dritten Teil der Sonne und den dritten Teil des Mondes und den dritten Teil der Sterne, so dass ein Drittel von ihnen verfinstert wurde und der Tag ein Drittel 
von seinem Licht verlor und die Nacht desgleichen.





Apk. XVII, 14  Und so werden sie gegen das Lamm in den Kampf ziehen, aber das Lamm wird siegreich über sie sein, denn es ist der Herr aller Herren 
und der König aller Könige. 
Auf seiner Seite stehen alle Berufenen und 
Erwählten, alle, die Glauben haben.



Apk. VIII, 10-11 Und der dritte Engel posaunte: 
Da fiel ein grosser Stern vom Himmel, brennend 
wie eine Fackel. Er traf im Sturze den Drittel 
aller Ströme und aller Wasserquellen. Der Name des Sternes ist „Wermut“. 
Ein Drittel von allen Gewässern wurde in Wermut verwandelt, 
und viele Menschen starben an dem Wasser, 
das so bitter geworden war.